Chronik der Gockelswoog von 1875 Frankenthal

Der Ursprung des Wohltätigkeitswiegen geht auf das Jahr 1875 zurück. Am Fasnachtdienstag jenen Jahres wurde bei einem Stammtisch im Lokal “Zum roten Hahnen” die Idee des Wohltätigkeitswiegens geboren.
Diesem Stammtisch gehörten lt. der Überlieferung an: Brauereibesitzer Glaser, Spenglermeister Luckard, Häfnermeister Daubkrieger, Patentanwalt Gehring und andere biedere Handwerksmeister

Sie genossen das Bockbier “Glaseria metis” von der benachbarten Brauerei Glaser und die dadurch erreichte Stimmung gab genügend Stoff zu Diskussionen und Streitgesprächen. Dabei ergaben sich auch Diskussionen über die “Gewichtigkeit” der anwesenden Stammtischbrüder. In Bierlaune wurde aus der naheliegenden Brauerei Glaser eine Dezimalwaage herbeigeschafft, und das Gewicht jedes einzelnen Stammtischbruders wurde ermittelt und festgehalten. 

Die im Lokal anwesenden Gäste wurden ebenfalls auf die Waage gebeten und deren Gewicht festgehalten. Man beschloss, diese Liste aufzubewahren und in einem Jahr, am gleichen Tag, zu vergleichen. Jeder der gewogen wurde, entrichtete einen Obolus.

Dieses Wiegen muss wohl viel Spaß bereitet haben, denn am nächsten Tag, dem Aschermittwoch, traf sich die Stammtischrunde um zu beschließen, dass dieses Wiegen künftig alljährlich stattfinden solle. Dies wurde vom anwesenden Patentanwalt Gehring in 11 Paragraphen schriftlich festgehalten. Auszugsweise heißt es u.a. darin:

Auszug aus den 11 Paragraphen

Diese Satzung wurde von Patentanwalt Gehring als dem Protokollführer am Aschermittwoch 1875 unterzeichnet.

Paragraph 1

Die in der Gastwirtschaft “Zum roten Hahnen” eröffnete Waage tritt alljährlich am Fasnachtdienstag um 2:11 Uhr in Tätigkeit.

Paragraph 2

All diejenigen, die sich heute verpflichtet haben, geloben, jeweils über die Zeit des Wiegegeschäftes ununterbrochen ehrenamtlich beim Wiegen tätig zu sein und genauestens darauf zu achten, dass alle Personen richtig gewogen werden.

Paragraph 3

Der Wiegemeister ist mit seiner ganzen Person haftbar, dass alle Gewichte auf das Gramm stimmen.

Paragraph 4

Für den Einzug der Wiegegebühr haftet der Säckelmeister. Er hat peinlich darauf zu achten, dass die fällige Gebühr von 11 Pfennigen gezahlt wird. Mehr zu nehmen ist ihm nicht verboten.

Paragraph 5

Gewogen werden alle Personen männlichen und weiblichen Geschlechts ohne Rücksicht auf Stand und Beruf und Religion und Alter, Jeder Gewogene erhält von dem vereidigten Protokoller einen amtlichen Wiegeschein, auf dem Name, Alter und Gewicht vermerkt sein muss. Außerdem wird er mit einem närrischen Abzeichen geschmückt.

Paragraph 6

Alle Lebendgewichte unter 1 Zentner ( Schneidergewicht 99 Pfund ) oder 2 Zentner werden durch die Glocke besonders kenntlich gemacht.

Paragraph 7

Das Woogkomitee muss während des Wiegens mit närrischer Kopfbedeckung seine Tätigkeit ausüben.

Paragraph 8

Das Wiegen soll nicht allein der Narretei und dem Frohsinn, der Erlös soll vielmehr einem wohltätigen Zweck dienen.

Paragraph 9

Alle Einnahmen werden an 11 bedürftige und unbescholtene Personen von 70 und mehr Jahren gleichmäßig verteilt.

Paragraph 10

Jeder Angehörige des Elfferrates kann 1 Person in Vorschlag bringen.

Paragraph 11

Eine Änderung obiger Satzung kann nicht vorgenommen werden, jedoch können jedes Jahr andere bedürftige Personen vorgeschlagen werden.

Die Gockelswoog im Lauf der Jahre

Diese Satzungen waren, wie man heute feststellt, sehr gut durchdacht. Es hat sich an dem Ritual des Wohltätigkeitswiegens der Gockelswoog von 1875 fast nichts geändert. Eine geringfügige Änderung (mit großer Tragweite) ist festzuhalten: Auf dem Wiegeschein wird auf die Altersangabe verzichtet. Dies dürfte besonders von den Damen, die ja auch zu den gerngesehenen Gästen auf der Gockelswoog zählen, sicherlich etwas erleichtert aufgenommen worden sein.

Im Jahre 1925 wurde das Lokal “Zum roten Hahnen” in der Speyerer Straße 54 geschlossen und es erfolgte der Wechsel in die “Neue Gockelsburg” in die Speyerer Straße 38, Gaststätte des Gastwirtes ”Wips” Schuff.

Im Jahre 1943 wurden bei dem schrecklichen Luftangriff weite Teile Frankenthals zerstört. Dabei gingen auch viele wertvolle Erinnerungen an die vergangene Zeit der Gockelswoog verloren.

Erst im Jahre 1949 wurde die Tradition des Wohltätigkeitswiegens der Gockelswoog von 1875 in der Gaststätte Rauch, Gastwirt Philipp Baumeister, am Wormser Tor wieder aufgenommen. Nach dem Schließen dieser Gaststätte, es fand dort das “Haus der Jugend” seine Bleibe, wechselte die Gockelswoog im Jahre 1964 in den Brauhauskeller in Neumayerring (heute Tanzschule ). Als Wirt war dort der stadtbekannte Franz Josef Kurfürst.

Im Jahre 1973 erfolgte nach dem Schließen dieser Gaststätte ein Umzug in das damalige Bahnhofhotel, ab 1975 umbenannt in “Brauhauskeller”. Auch hier war Franz Josef Kurfürst unser “Gockelswirt”. Diesen Titel hat ihm das Komitee der Gockelswoog am 24.02.1981 in Anerkennung seiner besonderen Verdienste um die Gockelswoog verliehen.

Im Jahre 2002 wechselte die Gockelswoog von 1875 in die neu eröffnete Gaststätte „Brauerei zur Post“, Neumayerring und hatte dort bis zum Jahre 2010 ihre Gockelsburg.

Ab dem Jahr 2011 erfolgte das Wohltätigkeitwiegen im Hotel Central, Karolinenstr. 6, in Frankenthal.

Im Jahr 2020 erfolgte ein erneuter Wechsel in die neue Gockelsburg Café Ideal, Eisenbahnstraße 2 in 67227 Frankenthal.

Nachdem der Fastnachtsumzug seit einigen Jahren von Fastnachtdienstag auf Fastnachtsamstag verlegt wurde, findet auch das Wohltätigkeitswiegen der Gockelswoog von 1875 am Fastnachtsamstag statt. Pünktlich um 11:11 Uhr wird die “Woog” eröffnet und bis um 20:11, bei großem Andrang auch länger, kann sich jeder Bürger wiegen lassen und somit dieses traditionelle Brauchtum des Wohltätgkeitswiegens unterstützen. Am Fastnachtssonntag schließlich findet von 11.11 Uhr bis um 13.11 Uhr das offizielle Wiegen für geladene Wiegegäste statt.

Die Gockelswoog von 1875 ist seit ihrer Gründung ein Zusammenschluß von ca. 16 Frankenthaler Personen, vorwiegend selbständige Handwerksmeister oder Unternehmer, die das Brauchtum des Wohltätigkeitswiegens mit großem Idealismus hegen und pflegen.

Seit Einführung des Euro im Jahr 2002 hat die Gockelswoog von 1875 dank der Unterstützung der Frankenthaler Bürger und Bürgerinnen den stolzen Betrag von 133.868,99 Euro „erwoogen“ und für wohltätige Zwecke in Frankenthal weitergereicht. Seit dem Jahr 1949 sind es sogar 180.664,29 Euro bzw. inflationsbereinigt nach heutigem Geldwert 242.754,77 Euro. Dafür dankt die Gockelswoog ihren Wiegegästen.

Seit 2008 veranstaltete die Gockelswoog zusätzlich zum Wohltätigkeitswiegen diverse Benefizkonzerte im alten Brauhaus sowie im Kulturzentrum Gleis 4 in Frankenthal. Auch hier kommt der Erlös ausschließlich der Wohltätigkeit in Frankenthal zu Gute. Bei den 10 bislang stattgefundenen Benefizkonzerten konnten 22.680,14 Euro eingenommen und für die Wohltätigkeit verwendet werden.

In der Fastnachtkampagne 2018/2019 ereignete sich für die Gockelswoog von 1875 ein absolutes Novum:
Nach dem Ausfall des turnusmäßigen Stadtschlüsselvereins sprang die Gockelswoog, quasi als „ Notnagel“ in die Bresche.
So übernahm die Gockelswoog beim Neujahrsempfang am 06. Januar 2019 den Frankenthaler Stadtschlüssel und somit die närrische Macht in Frankenthal. Kurzentschlossen kürte die Gockelswoog von 1875 die amtierende Miss Strohhut Emily Matejcek und den Bürgermeister Bernd Knöppel zum Stadtprinzenpaar Emily I. und Bernd I. Dieses Prinzenpaar, das Erste in Frankenthal seit 50 ( ! ) Jahren, erwies sich als goldener Glücksgriff. Unermüdlich auf allen karnevalistischen Veranstaltungen unterwegs mit passendem Einmarsch waren die beiden zusammen mit den Gockelsbrüdern überall gerne gesehene Gäste. Unabhängig vom Wiegegeschäft der Gockelswoog sammelten die beiden 5.800,– € an Spenden für die Frankenthaler Tafel.
Dies und die Aktionen der Gockelswoog veranlassten den Alt-OB Theo Wieder zu der Äußerung: „Da wird die Messlatte für die kommenden Jahre weit nach oben gesetzt!”
Fazit und Überschrift der Presse in der Rheinpfalz am 06. Januar 2019: „Alles andere als ein Notnagel“.

Präsidenten, die der Gockelswoog von 1875 vorstanden:

1925 bis 1932 – Valentin Willmann

1932 bis 1935 – Adam  Krauß

1935 bis 1950 – Heinrich Häberle

1950 bis 1962 – Philipp Schönsiegel

1962 bis 1975 – Franz Groß

1975 bis 1996 – Konrad Spiegel

1996 bis 1999 – Peter Dennhardt

1999 bis 2010 – Walter Reutter

seit 2010 – Lucas Spiegel

Dem Komitee der Gockelswoog von 1875 gehören derzeit an:

seit 1996  – Lucas Spiegel

seit 1996 – Dr. Gerhard Metzler

seit 1996 – Andreas Riedel

seit 1999 – Reiner Graf

seit 2000 – Matthias Braun

seit 2000 – Uwe Bürkle

seit 2002 – Frank Hoffmann

seit 2004 – Wolfgang Tröndle

seit 2008 – Michael Rehmann

seit 2010 – Ralf Prohaska

seit 2016 – Stephan Finke

seit 2017 – Felix Weismann

seit 2017 – Patrick Pfützer

seit 2018 – Stefan Hinzmann

seit 2020 – Herbert Zoller

Stand: 27. Januar 2021, Andreas Riedel, Secretarius